Wenn du nicht darüber nachdenken musst, bist du privilegiert!

Diesen Satz plakatierte die University of San Francisco im Jahr 2014 auf ihrem Campus. Heute hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Das Jahr 2020 ist geprägt von einer globalen Pandemie, die bestehende Ungleichheiten verstärkt, und uns noch deutlicher machte, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen im Leben haben.

Wir, die 11 Autorinnen und Autoren dieses Magazins, sind auf mehrfache Weise privilegiert. Wir sind weiß und werden deshalb nicht ständig auf unsere Hautfarbe angesprochen. Wir haben studiert und sogar einen Teil des Studiums als Stipendiatinnen und Stipendiaten der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung finanziert bekommen. Im Gegensatz zu vielen unserer Mitstudierenden mussten wir uns größtenteils nicht so große Sorgen um Finanzen machen und konnten uns dadurch ausprobieren und Dingen nachgehen, die uns interessieren – dieses Multimedia-Dossier ist ein treffender Beweis dafür.

Dieses Dossier - das Ergebnis unseres 10-tägigen Abschlussprojektes im September 2020 - heißt „Privilegien“. Auf den ersten Blick erscheint das vielleicht plakativ. Aber während der Produktion wurde uns immer klarer, wie viele Ebenen der Begriff bietet und aus wie vielen Perspektiven man ihn erzählen kann. Wir wollen sie hier beleuchten, mit ihnen spielen und sie gegeneinander stellen.

Viel Spaß beim Lesen und beim Reflektieren!

Die Redaktion

Text ohne Wirkung

Temye Tesfu ist Slam-Poet. Über seine Erfahrungen mit Diskriminierung spricht er nicht gern und daran, dass seine Kunst politischen Wandel bringen könnte, glaubt er erst recht nicht.

Der Weg zum Sinn

Nach einem Schicksalsschlag hinterfragt Thomas Müller sein bisheriges Leben und orientiert sich beruflich nochmal neu. Dafür verzichtet er auf ein profitables Einkommen. Stattdessen erwirbt er etwas, was für ihn wirklich zählt.

Schluss mit Überfluss

In Kronberg wird das Trinkwasser knapp. Um das Problem zu lösen, ringen die Bewohnerinnen und Bewohner mit sich, Privilegien aufzugeben, die sie nie als solche wahrgenommen haben.

Die feinen Unterschiede

Ausbildung oder Studium? Der eigene Bildungserfolg hängt in Deutschland stark vom Elternhaus ab. Ein Gespräch über Beziehungen, Selbstbewusstsein, sozialen und finanziellen Rückhalt und das Gefühl, nicht rein zu passen.

Männerclubs

In Studentenverbindungen kommen Männer zusammen, die gemeinsame Werte teilen. Berufliche Hilfe und Ratschläge älterer Generationen sind nicht die einzigen Vorteile des elitären Netzwerks.

Habe ich das verdient?

Privilegien sind häufig nicht sichtbar. Aber wer über sie schreibt, sollte seine eigenen Privilegien kennen. Eine Spurensuche.

Fehler im System

Frauen werden in der Gesellschaft oft noch benachteiligt. In der Wissenschaft wirken männliche Privilegien besonders stark.

Ehrenamt als Privileg?

Das Gefühl, etwas Gutes zu tun, macht glücklich. Aber welche Vorteile hat ein Ehrenamt noch und wer hat eigentlich Zugang zu freiwilligem Engagement? Vier junge Menschen erzählen, warum sie sich engagieren – oder es nicht können.

Adel verpflichtet

Riesige Anwesen, edle Kleidung, exklusive Events – ein Adelstitel war für lange Zeit der Inbegriff eines Privilegs. Was ist heute noch übrig von der einstigen Sonderstellung des Adels? Ein Gespräch über Traditionen, Pflichten und Leidenschaften.

Die Last des Erbes

Eine junge Frau erbt Millionen. Das Geld verunsichert sie. Über ein schweres Privileg.

Brücken bauen for Future

Weiß, gebildet, finanziell abgesichert: Wenige soziale Bewegungen haben den Ruf, so privilegiert zu sein wie die Klimaschutzbewegung. Beim Kampf gegen die Klimakrise in Sachen Diversity gibt es noch einiges zu tun.

Privilegientests

Sogenannte Privilegientests kursieren im Internet zu Hauf. Unter Slogans wie „Check Your Privilege“ spucken diese bereits nach zehn knappen Fragen ein vermeintliches Ergebnis darüber aus, wie viele Privilegien die Befragten genießen.

Svana Kühn
Bildungschancen hängen in Deutschland nicht von der Leistung, sondern der eigenen sozioökonomichen Herkunft ab. In meiner eigenen Familie war ich die erste mit einem Universitätsabschluss. Ich bin der Meinung, dass die Perspektive von Menschen aus Nicht-Akademikerhaushalten in vielen gesellschaftlichen Bereichen, wie auch im Journalismus, fehlt.

Markus Hehn
2020 diskutiert die halbe Welt einmal mehr über Rassismus: Wo es ihn gibt, wie er sich äußert und was dagegen getan werden kann. Ein jahrhundertealtes Problem, das bis heute ungelöst ist, auch hier in Deutschland. Mir war es wichtig, jemanden zu portraitieren, der darüber aus eigener Erfahrung berichten kann und viel über die Wurzeln rassistischer Diskriminierung in unserer Gesellschaft nachdenkt.

Lara Jäkel
Riesige Anwesen, edle Kleidung, exklusive Events. Diese Vorstellung habe ich immer mit dem Adel verbunden. Aber ist das wirklich die Realität? Ich wollte wissen, mit welchen Traditionen und Verpflichtungen adelige Familien heute leben – und ob der Adelstitel für sie eher Sprungbrett oder Last ist.

Kristoffer Fillies
Studentenverbindungen damals und heute interessierten mich bereits während meines Studiums in Göttingen. In der historischen Universitätsstadt von 1737 gibt es mehr als 40 Verbindungen, darunter Burschenschaften, Corps und Landsmannschaften. Auf den Straßen der Stadt sind immer wieder Verbindungsstudenten mit Farbenband zu sehen.

Julia Rieger
Ich habe in den ersten Semestern meines Studiums die Möglichkeit gehabt, mich in verschiedenen Kontexten ehrenamtlich zu engagieren. Ich empfinde das als ein sehr großes Privileg und wollte deswegen über den Zusammenhang von freiwilligem Engagement und Privilegien recherchieren. Mir ist bewusst, dass noch viele weitere Aspekte dieses Themenbereiches beleuchtet werden müssen.

Alina Fischer
In einer Folge von „Die Höhle der Löwen“ sah ich den Pitch von Thomas Müller zu seinem Start-up Unternehmen. Dort erzählte er, dass er aus der IT in die Pflege gewechselt ist und nun ein Start-up gegründet hat. Da fragte ich mich: Was hat ihn dazu bewegt, sich beruflich nochmal komplett neu zu orientieren und dafür auf ein höheres Einkommen zu verzichten?

Sebastian Scheffel
Ich habe die Idee spannend gefunden, über ein Gut zu reflektieren, dessen Dasein uns selbstverständlich erscheint. Es ist bekannt, dass Zugang zu Ressourcen wie Trinkwasser in vielen Ländern ein Privileg ist. Ich wollte ergründen, inwieweit das auch in Deutschland so ist. Bei der Recherche wurde mir bewusst, wie viel Wasser ich unbewusst verschwende - und wie stark das mit eigenen Privilegien zusammenhängt.

Elena Everding
Ich bin auf Rassismus und fehlende Diversität in der Klimabewegung aufmerksam worden, nachdem die ugandischen Klimaaktivistin Vanessa Nakate beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos aus einem Foto geschnitten worden war. Nicht nur dadurch habe ich gemerkt, dass bei den FFF-Demos sehr viele Menschen so aussehen und leben wie ich - was aber eigentlich nicht so sein sollte.

Miguel Helm
Ich nerve meine Freunde oft mit einem Gedankenexperiment. Stell‘ dir vor, du hast so und so viel Geld. Was würdest du dann tun? Ein Haus kaufen? Ein Auto? Die Arbeit kündigen? Nach ein paar Minuten stellen wir fest: Oh man, wie schön das wär. Aber wie ist es wirklich, Millionen zu besitzen? Das wollte ich wissen, als ich zu meiner Recherche aufgebrochen bin.

Elisa von Hof
Wenn wir über die Privilegien anderer berichten, sollten wir auch unsere offenlegen, dachte ich. Dann hat mich die Reise in meine Vergangenheit aber doch nervös gemacht. Schließlich gesteht man sich so ungern ein, dass man es ziemlich gut hat - und dafür gar nichts kann. Ich hab jetzt gelernt: Daraus entsteht kein Vorwurf, sondern Verantwortung.

Hanna Decker
Auf die Idee, ein technisches Fach zu studieren, wäre ich nie gekommen - einfach, weil ich nicht das Privileg hatte, in meiner Jugend Berührungspunkte mit dem Thema zu haben. Auch in meinem VWL-Studium haben mir immer weibliche Vorbilder gefehlt. Irgendwann habe ich andere inspirierende Frauen kennengelernt, die heute sehr wichtig für mich sind.

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